Der Spatz ist noch bei Stimme

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Mireille Mathieu bezaubert das Publikum in der Jahrhunderthalle Frankfurt

Bericht vom 28.04.2018 in Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle (Von Torsten Reitz)

Etwa zwei Stunden lang beeindruckt Mireille Mathieu ihre Fans in der Frankfurter Jahrhunderthalle mit einer Revue durch ihre mehr als 50-jährige Laufbahn. Mühelos demonstriert die « Spatz von Avignon » genannte französische Sängerin dabei, wie gut sie weiterhin bei Stimme ist.

Wie Édith Piaf und France Gall ist der Name Mireille Mathieu untrennbar mit dem französischen Chanson verbunden.

Im letzten halben Jahrhundert hat die kleine Frau mit der großen Stimme eine Weltkarriere hingelegt. 1200 Lieder in elf Sprachen und 125 Millionen verkaufte Tonträger später geht die inzwischen knapp 72-jährige Sängerin auf große Welttournee, die sie auch in die Frankfurter Jahrhunderthalle führt.

Szenen einer Laufbahn

Dort nehmen ihre Fans den « Spatz von Avignon », wie die Chansonnière mit der markanten Pagenfrisur vielsagen genannt wird, gleich gebührend in Empfang. Es gibt bereits stehende Ovationen in Teilen des Publikums, noch bevor « die Mathieu » überhaupt die Bühne betreten hat.

Ein Video gibt zunächst einen kurzen Überblick über Schlüsselmomente ihrer Laufbahn, wie etwa ihr Treffen mit Papst Johannes Paul II. Kurz darauf betritt die nur 1,53 Meter große Powerfrau mit « Il faut croire » die Bühne.

Mehrsprachiges Programm

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, arbeitet sich Mireille Mathieu mit ihrer 14-köpfigen Begleitband inklusive vierköpfigen Streichersatz und drei Backgroundsängern durch eine Reihe ihrer großen Erfolge.

Dabei dürfen selbstverständlich ihre deutschen Hits à la « Es geht mir gut, Chéri », « An einem Sonntag in Avignon » und « Hinter den Kulissen von Paris » ebenso wenig fehlen wie Songs in ihrer Muttersprache wie « Prends le temps », « Mon credo » oder « Une histoire d’amour ».

« Spatzenklasse »

Bei großen Sängerinnen und Sängern besteht ab einem gewissen Alter stets die Gefahr, dass irgendwann die Stimme versagt. Mireille Mathieu hingegen straft ihre Kritiker in dieser Hinsicht Lügen.

Ihr kraftvolles, leicht tremolierendes Organ klingt immer noch wie in Jugendtagen. Gesanglich wie insgesamt vom Sound her gibt es an ihrem Auftritt in der Jahrhunderthalle rein gar nichts zu bemängeln. Bei der französischen Diva und ihren musikalischen Begleitern sitzt jeder einzelne Ton.

Authentischer Pathos

Natürlich gibt es bei den streckenweise zuckersüßen Melodien und Texten, die manch einer womöglich Nase rümpfend als « Schlager » abtun würde, jede Menge Pathos.

Mireille Mathieu schafft es jedoch recht mühelos, ihr Material so zu transportieren, dass der dem Genre so eigene Kitsch – zumindest weitgehend – vermieden wird. Sie wirkt einfach authentisch. Bezeichnend dafür ist, dass sie beim ihrer verstorbenen Mutter gewidmeten « Maman la plus belle du monde » selbst fast den Tränen nahe ist.

Vielen Dank für die Blumen

Für diese Leistung wird sie von ihrem Publikum nach jedem Song gefeiert, ohne dass sie sich selbst großartig zu Wort melden würde.

Ständig läuft jemand nach vorne zur Bühne, um ihr einen Blumenstrauß zu überreichen, so dass man sich eingangs noch fragt, ob es sich dabei um einen geschickten Marketing-Schachzug oder um echte Sympathiebekundung handelt. Im Laufe des Abends wird aber klar: Ihre Fans lieben « die Mathieu ».

Wer rastet, der rostet

Das Konzert ist zwar nicht ausverkauft und mitunter wirkt die für den Anlass komplett bestuhlte Jahrhunderthalle sogar relativ leer.

Dieser Eindruck täuscht allerdings, denn ein nicht geringer Teil der Zuschauer stellt sich – gerade in der zweiten Hälfte der Show – direkt vor die Bühne und verlässt diesen Platz auch bis zum Ende des Abends, als sich Mireille Mathieu auf « Druck » bzw. euphorische Reaktion hin mit einem zweiten « Hinter den Kulissen von Paris » spontan noch einmal zurückmeldet.

Kleine Frau ganz groß

Als der « Spatz von Avignon » sich unter dem Jubel ihrer Fans schließlich endgültig verabschiedet, hat das Publikum in der etwa zu drei Vierteln gefüllten Jahrhunderthalle einen Weltstar erlebt, der auch im Rentenalter stimmlich noch in bestechender Form ist.

Mireille Mathieu ist weiterhin eine Diva im besten Sinne, die ihr Publikum in einer Vielzahl von Sprachen bestens zu unterhalten vermag. Die Zuschauer in Frankfurt jedenfalls feiern ihr Idol im großen Stil – und das völlig zu Recht.

Setlist

Il faut croire / Tous les enfants chantent avec moi / La Paloma adé / Martin / Je t’aime avec ma peau / Taratating Taratatong / Une histoire d’amour / Una canzone / Es geht mir gut, Chéri / L’hymne à l’amour / An einem Sonntag in Avignon // Mon credo / Santa Maria / Ce n’est rien / Un dernier mot d’amour / Der Pariser Tango / La voix de dieu / Hinter den Kulissen von Paris / Une vie d’amour / Medley étranger (inkl. Somewhere Over The Rainbow und Sakura) / Meine Rose / Очи чёрные (Schwarze Augen) / Der Zar und das Mädchen / Acropolis adieu / Amour défendu / Non, je ne regrette rien / Maman la plus belle du monde / Prends le temps // Hinter den Kulissen von Paris.

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Mireille Mathieu à Francfort (Frankfurt)

Mireille Mathieu beschenkt das Publikum in Frankfurt mit großen Gefühlen

VON MAXIMILIAN STEINER.
Eine künstlerisch nach wie vor makellos präzise Mireille Mathieu begeistert in der Jahrhunderthalle ihre Fans.

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Foto: Sven-Sebastian Sajak

Frankfurt. 

Ehre, wem Ehre gebührt: Noch bevor Mireille Mathieu die Bühne betritt, steht die Besucherschar in der Jahrhunderthalle von ihren Plätzen auf. Da erklingt gerade das ouvertürenhafte Intro des 14-köpfigen Orchesters, darunter auch vier Streicher, ein dreiköpfiger Chor, ein Akkordeonist sowie ein Querflötist. Auf der Videoleinwand flimmern Impressionen von der unglaublichen Wandelbarkeit der Mireille Mathieu. Ob Diva, Rotzgöre, Charlie-Chaplin-Clownesken oder auch ganz private Eindrück einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. – die Mathieu versteht mit diesen Videoclips und Schnappschüssen viele zu überraschen. Ganz sicher jene im Publikum, die von Mathieu nur das Klischee kennen.

Ihre Karriere begann 1965. Sie war erst 19 Jahre alt – älteste Tochter eines Friedhof-Steinmetzes aus Avignon, 13 Geschwister. Manche in Deutschland haben von der französischen Chanson-Ikone nur eine Vorstellung: Roter Lippenstift zu Porzellan-Teint, dichte Augenbrauen unter dunkelbraunem Bob mit leichter Innenwelle sowie stets ein schwarzes Kleid auf Knielänge, so präzise wie die nach wie vor makellose Stimme – ein mittleres Tremolo und ein stark gerolltes R treffen auf punktgenaue Intonation über alle Tonlagen.

Wunderbare Beziehung

Auch in der nicht ganz ausgelasteten Jahrhunderthalle ruft Mireille Mathieu dieses Bild auf, wenn sie mit der Präzision einer atomgetriebenen Uhr den ersten Ton des Einstiegssongs „Il faut croire“ anstimmt. Allzu viele Worte wird die Mathieu nicht an ihr Publikum richten. Doch die wenigen zielen mitten ins Herz: „Wir haben seit Jahren eine wunderbare Liebesbeziehung miteinander“, erwidert sie die warmen Gefühle ihrer treu ergebenen Fangemeinde.

Von da an bestimmt der minutiös abgerufene Melodienreigen den Takt, nur noch selten unterbrochen von Worten der Umschwärmten. Längere Pausen zwischen den Liedern entstehen trotzdem. Verursacht durch opulente Geschenke an den Star. MM bedankt sich für jedes kunstvoll eingewickelte Blumengebinde, jede in einer Tragetasche übergebene Pralinenpackung oder was sonst noch so in den überreichten Päckchen stecken mag mit entwaffnendem Lächeln, raschem Händedruck und gewispertem Dankeschön. Gottlob steht der Grande Dame des französischen Gesangs ein Helfer zur Seite, der sie mitunter von der Last der Geschenke geradezu befreien muss.

In Sachen Musik bewerkstelligt Mireille Mathieu einen schwierigen Spagat. Anders als bei ihren Konzertauftritten in Frankreich, wo ihre zeitlosen Chansons das Repertoire dominieren, mischt sich im deutschsprachigen Raum jene einst von Komponist Christian Bruhn und Texter Georg Buschor ersonnene Kreuzung von schunkeligen Mitklatsch-Effekten und Franzosen-Klischees hinein, die erstmals 1969 für Hit-Ehren hierzulande sorgte.

Seither wissen die Deutschen über den treulosen „Martin“, das ewige „Tarata-Ting Tarata-Tong“ und das, was „Hinter den Kulissen von Paris“ steckt, Bescheid, können „Einen Sonntag in Avignon“ nachvollziehen und beherrschen die zickig-zackigen Schritte des „Pariser Tango“ aus dem Effeff. Eifrig applaudiert das Publikum nach jeder dieser Preziosen.

Kleine Weltreise

Eindeutig längeren Beifall ernten allerdings frühe Chanson-Klassiker wie „Una Canzone“ und das den zweiten Teil eröffnende „Mon Credo“. Gar stürmischer Donnerhall empfängt Mireille Mathieu, wenn sie von ihrem Jugendidol Édit Piaf die zeitlosen Evergreens „L’Hymne à l’amour“ und „Non je ne regrette rien“ interpretiert. Und noch intensiver gestaltet sich der Jubel bei den ganz leise nur zum Klavier gesungenen Balladen oder der kleinen Weltreise von „Etranger Medley“ mit auf Englisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch und Italienisch Gesungenem. Verblüffung herrscht indes beim zünftigen Rock-Boogie „Ce n’est rien“ mit verzerrter E-Gitarre – das Metier beherrscht sie also auch. Tres bien! Noch eine Überraschung, als jemand die deutsche und französische Flagge überreicht und der Mathieu spontan ein „Ganz toll!“ entlockt.

Auf der Zielgeraden wird es dann noch einmal rührselig: „Maman la plus belle du monde“ widmet Mireille Mathieu mit tränenerstickter Stimme ihrer vor zwei Jahren im hohen Alter verstorbenen Mutter. Gleich danach schließt sich eine schwungvoll-fröhliche Mathieu in „Prends le temps“ an.

Danach geht die Sängerin minutenlang den Bühnenrand ab, schüttelt Hände, posiert für Selfies, gibt unzählige Autogramme. Von Handküssen unterfüttert beteuert sie „Ich liebe Sie – Je vous aime“. Bevor sich der Vorhang zum allerletzten Male senkt, gibt es noch einmal ein beschwingtes „Hinter den Kulissen von Paris“.

Source : Frankfurter Neue Presse